Corporate Responsibility Interface Center (cric e. V.) | Verein zur Förderung von Ethik und Nachhaltigkeit bei der Geldanlage
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vom 20. Oktober 2026

Der Frankfurt-Hohenheimer Leitfaden

von Claudia Döpfner.

Der Frankfurt-Hohenheimer Leitfaden (FHL)

“Technikentwicklungen, Wirtschaftssysteme, monetäre Strukturen fallen nicht vom Himmel. Sie sind weder vollkommen noch unbeeinflussbar, sondern Ergebnis sozialer Prozesse in einer Kultur. Die Kultur wird von ihnen verändert, zugleich aber besitzt sie in ihrem Ordnungswissen die Kraft, die Entwicklung von Wirtschaft und Technik zu verändern, wenn deren Zustand von den Menschen als zerstörerisch erfahren wird und die natürlichen und sozialen Lebensgrundlagen gefährdet erscheinen.” (FHL 1997, S. 11)

Pionierwerk FHL – Basis für cric

Die Arbeit von cric basiert auf dem 1997 veröffentlichten Frankfurt-Hohenheimer Leitfaden1: dem wissenschaftlichen Pionierwerk für ethische Investments und Investierende im deutschsprachigen Raum. Mit etwa 850 Bewertungskriterien zur ethischen Bewertung von Unternehmen war der FHL für lange Zeit die umfassendste und zugleich einzige wissenschaftlich fundierte Kriteriologie in diesem Bereich.

Der FHL gliedert sich in drei übergeordnete Bewertungsdimensionen, auf die die über 800 Einzelkriterien aufgefächert werden:

  • Naturverträglichkeit
  • Sozialverträglichkeit
  • Kulturvertäglichkeit

Unter Federführung der Professoren Johannes Hoffmann, Sozialethiker am Fachbereich Katholische Theologie der Frankfurter Goethe-Universität und Gründungsvater von cric und Gerhard Scherhorn vom Institut für Haushalts- und Konsumökonomik der Universität Hohenheim, wurde der FHL interdisziplinär im Zusammenwirken von Ökonomen, Philosophen, Ethikern und Theologen entwickelt.

Die aktualisierte Fassung (2009) können Sie hier herunterladen: Frankfurt-Hohenheimer Leitfaden » cric e. V.

FHL – entwickelt für die Praxis

Der Leitfaden sollte nicht ein akademisches Konzept bleiben, sondern konkrete Wirkungen in der Praxis entfalten. Bereits in der ursprünglichen Fassung des FHL von 1997 ist ein eigener Abschnitt der “Praktischen Umsetzung” für ethisch-nachhaltige Ratings gewidmet: Und so entwickelten die Autor:innen des FHL gemeinsam mit der damaligen Ratingagentur oekom research AG im Jahr 2000 das Corporate Responsibility Rating. Auch anderen Nachhaltigkeitsrating Anbietern diente der FHL als Grundlage für die Bewertung von Unternehmen und Staaten.

Auf der Basis seiner ethisch-ökologischen Kriteriologie wurden eine Vielzahl von Publikums- und Spezialfonds sowie andere Produkte aufgesetzt. Sowohl die Theorie als auch die Praxis der Erfassung und Berichterstattung von wirtschaftlichen Aktivitäten hat der FHL stark geprägt.

Ethisch-nachhaltigen Investierenden half und hilft er, die eigenen Wertpräferenzen kritisch zu reflektieren.

Mit der Gründung von cric im Jahr 2000 als Folgeinitiative des FHL wurde der institutionelle Rahmen für ethisch-nachhaltiges Investieren im deutschsprachigen Raum geschaffen.

Impulsgeber FHL – auch nach 30 Jahren

Der FHL ist als Kriterienkatalog unbestritten an der einen oder anderen Stelle etwas in die Jahre gekommen. Dennoch ist er nach wie vor hoch aktuell und innovativ als normatives Fundament und Reflexionsrahmen für Sustainable Finance und die Transformation zu einer nachhaltigen Wirtschaftsweise.

Die innovativen Impulse, die vom FHL ausgehen, haben ihren Grund unter anderem in den ebenfalls im Leitfaden von 1997 enthaltenen methodischen und inhaltlichen Begleittexten – und sind für das Selbstverständnis und für die Arbeit von cric wesentlich:

als Wertebasis sowie als die Basis für methodische und wissenschaftliche Vorgehensweise.

Interdisziplinärer Ansatz

Der FHL wurde interdisziplinär im Zusammenwirken von Ökonomen, Philosophen, Ethikern und Theologen entwickelt. Damit wurde der Erkenntnis Rechnung getragen, dass der Nachhaltigkeits- bzw. Transformationsdiskurs das Zusammenwirken von empirischen Wissenschaften und auch normativen Reflexionen braucht, die aufeinander angewiesen sind.

Werteorientiertheit und kritische Reflexion

Dem FHL liegt ein ethisch-normatives Nachhaltigkeitsverständnis zugrunde, das sich insbesondere in der Einführung der Kulturverträglichkeit als Bewertungsdimension widerspiegelt. Nach wie vor bietet er damit ein umfassendes Wertefundament und einen kritischen Reflexionsrahmen.

Vorrang der Ethik

Im FHL wird ethischen Ansprüchen ein Vorrang gegenüber finanziellen Interessen eingeräumt. So wurde bewußt auf ökonomische Kriterien verzichtet, weil die Autor:innen die ethisch-nachhaltigen Kriterien zunächst unbeeinflusst von möglichen ökonomischen Priorisierungen berücksichtigt wissen wollten. Die finanziellen Gesichtspunkte bleiben dabei nicht unberücksichtigt, kommen aber erst im zweiten Schritt, auf der Basis der ethischen Vorentscheidung, zur Geltung. Damit wird einer Finanzialisierung von Nachhaltigkeit begegnet.

Kulturverträglichkeit als Bewertungsdimension

Kulturverträglichkeit als Bewertungsdimension ist ein Alleinstellungsmerkmal des FHL. Die Stärkung und Konkretisierung der kulturellen Dimension des Wirtschaftens war damals Pionierleistung. Mittlerweile zeigt sich immer deutlicher, dass kulturelle Aspekte für eine Transformation der Wirtschaft zu Nachhaltigkeit von essentieller Bedeutung sind.

Grundsatz Kleinschrittiger Veränderungen

Der FHL basiert auf dem Grundsatz, dass nur über konkrete, “kleinschrittige Veränderungen des Normalbereichs”, also der als “normal”, als üblich akzeptierten oder erwarteten Verhaltensweisen und Überzeugungen, tragfähige Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft erreichbar sind. Diese Auffassung wird bestärkt durch die Evolutionsbiologie, die davon ausgeht, dass nur kleinschrittige Veränderung des Normalbereichs Evolution bedeutet. Evolution in diesem Kontext meint: Kulturwandel.

Autonomie der Investierenden

Im FHL gibt es keine vorab festgelegte Gewichtung der Kriterien. Ebenso wird vollständig auf Ausschlusskriterien verzichtet. Die Investierenden und anderen Anwender entscheiden selbst, welche Kriterien sie wie gewichten, ob sie Ausschlusskriterien anwenden, welche Prioritäten sie setzen. Dies führt zu Interpretationsspielräumen, die jedoch nicht beliebig sind, sondern einer ethischen Begründung folgen müssen. Der FHL respektiert und fördert insofern die Autonomie der Beteiligten, indem er dezidiert Hilfestellung bietet bei Entscheidungen, die von vornherein unter moralische Vorzeichen gestellt wurden.

Adressierung aller Branchen und aller Unternehmen

In Hinblick auf die Nachhaltigkeits-Bewertung von Unternehmen folgt der FHL einem sogenannten absoluten Best-in-Class-Ansatz. Dabei werden Unternehmen innerhalb ihrer Branche verglichen und bewertet, es wird keine Branche und kein Unternehmen von vornherein ausgeschlossen. Auf diese Weise sollen alle Branchen und alle Unternehmen in die notwendigen Lern- und Veränderungsprozesse hin zu einer nachhaltigen Wirtschaftsweise eingebunden werden, nicht nur die, die ohnehin bereits nachhaltige Geschäftsmodelle verfolgen.

“Der FHL will kein Verbotskatalog sein und hat sich so auch nie verstanden. Er will nicht einfach nur Grenzpfähle setzen, die niemand überschreiten darf. Unternehmen sollen nicht in ein Korsett eingeschnürt werden, das ihnen die Luft zum Atmen nimmt. Die Phantasie und Schaffenskraft soll sich ganz darauf konzentrieren, Unternehmen umzugestalten bzw. neue Unternehmen zu gründen, die ökonomischen, ökologischen, sozialen und kulturellen Mehrwert schaffen (…).” (J. Hoffmann, 2016)

Quellenverweise:

Foto von Leonhard Niederwimmer auf Unsplash