Corporate Responsibility Interface Center (cric e. V.) | Verein zur Förderung von Ethik und Nachhaltigkeit bei der Geldanlage
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vom 1. Mai 2026

European Church Investors Conference am 28. und 29. April 2026 in Matrei am Brenner

Gastbeitrag – im Vorfeld der zweiten Europäischen Konferenz für kirchliche Investoren.

Kirchliche Investoren wollen ihren Einfluss stärker nutzen 

Kirchliche Geldanleger nehmen bereits heute über ihre Investitionen Einfluss auf Unternehmen. Die entscheidende Frage ist, wie aktiv sie diese Rolle wahrnehmen. In der kommenden Woche treffen sich in Innsbruck kirchliche Investoren aus ganz Europa und darüber hinaus zu einer Konferenz, um die Möglichkeiten zu diskutieren, ihren Einfluss stärker geltend zu machen.

Sie treten damit aktiv der Versuchung entgegen, Investieren als moralisch neutrale, weitgehend technische Angelegenheit zu betrachten, als eine reine Frage der Daten zu Risikomodellen, Finanzkennzahlen und Vermögensallokation, bei der die eigene Wertehaltung außen vorgelassen wird. Doch diese Sichtweise ist nicht nur unzureichend, sie ist grundlegend falsch. Kirchliche Geldanleger haben schon immer die Position vertreten, dass Investitionen nicht nur die Berücksichtigung finanzieller, sondern auch ethisch-nachhaltiger Aspekte erfordert. Auch die menschliche Perspektive und qualitative Faktoren sind zu beachten, nicht nur Transaktionen und Quantitatives. Wenn wir investieren, bringen wir zum Ausdruck, was wir für möglich halten, was wir für wertvoll erachten und wessen Gedeihen in unseren Augen zählt.

Unsere Erfahrungen zeigen, dass sich diese umfassendere Sichtweise auf Investitionen mit dem Ziel vereinen lässt, langfristig nachhaltige Renditen z.B. für die Begünstigten kirchlicher Pensionskassen zu erzielen. Diese Sichtweise erkennt an, dass Renditen grundlegend von Gesellschaften abhängen, deren ökologische und soziale Systeme nachhaltig und widerstandsfähig sind.

Für Kirchen ist jede Entscheidung, wohin Kapital fließt, eine, die beeinflusst, unter welchen Umständen Menschen arbeiten, und welche Technologien gefördert werden. Sie ist auch eine Entscheidung für oder gegen die Einhaltung christlicher Werte.

So hat die Ethical Investment Advisory Group (EIAG) der Church of England betont, dass Investitionen eine Erweiterung des kirchlichen Auftrags sind. Auch für den Arbeitskreis Kirchlicher Investoren (AKI) in der evangelischen Kirche in Deutschland gilt: „Das kirchliche Handeln im Bereich der Geldanlagen soll nicht im Widerspruch, sondern im Einklang mit Gottes Geboten und dem kirchlichen Auftrag stehen“. Das vatikanische Dokument „Mensuram Bonam. Glaubensbasierte Maßstäbe für katholische Kapitalanleger: Ein Ausgangspunkt und Aufruf zum Handeln“ aus dem Jahr 2022 vertritt einen sehr ähnlichen Standpunkt und betont: Investoren bewerten Märkte nicht nur – sie gestalten sie. Darum soll eine „Kohärenz zwischen Glauben und finanziellen Entscheidungen“ praktiziert werden. Die Entscheidungen von Investoren können „zur Schaffung einer gerechteren und nachhaltigeren Welt beitragen“ – oder das Gegenteil bewirken.

Gelegentlich wird von kirchlichen Einrichtungen die Befürchtung geäußert, kirchliche Vermögen seien zu klein, um die damit verbundene Gestaltungsmacht zu nutzen. Im Vergleich zu Staatsfonds, globalen Vermögensverwaltern und internationalen Banken sind die Ressourcen der Kirchen bescheiden. Welchen Einfluss können sie realistischerweise haben? Kirchliche Anleger wissen: weit mehr, als zunächst vermutet, wenn auch vielleicht nicht in der Weise, wie erwartet.

Kirchliche Investoren können multinationalen Konzernen keine Bedingungen diktieren oder jeden möglichen Schaden verhindern. Aber sie können mit ihnen in den Dialog treten, Normen setzen und vorleben, wie verantwortungsbewusstes Investieren aussieht. Sie können dort zusammenarbeiten, wo andere ausweichen, Klarheit zeigen, wo andere schwanken, und geduldig sein, wo andere sofortige Renditen verlangen. Sie können die Ersten sein, die unbequeme Fragen stellen, oder die Letzten, die ein schwieriges, aber vielversprechendes Engagement aufgeben. Sie bringen ein moralisches Vokabular in Bereiche, in denen es oft fehlt und Menschlichkeit in Gespräche, die von bürokratischer Gleichgültigkeit geprägt sind.

Kirchliche Investoren tun dies seit Jahrzehnten, ja sogar seit Jahrhunderten, von den Anfängen börsennotierter Unternehmen bis hin zu einer Reihe aktueller Initiativen. Dazu gehört die Transition Pathway Initiative, die von kirchlichen Investoren mitbegründet wurde, sowie: „Find it, Fix it, Prevent it“, eine Initiative gegen moderne Sklaverei. Die “Mental Health Benchmark“ unter der Leitung des Vermögensverwalters CCLA wurde unter anderem unterstützt von der Church Investors Group, einem Zusammenschluss kirchlicher Investoren mehrere Konfessionen in Großbritannien und den „Shareholders for Change“, einem europäischen Netzwerk, dem führende Vertreter des glaubenskonformen Investierens angehören. „De Nieuwe Beurskoers“, ein niederländisches Netzwerk kirchlicher Investoren, setzt sich für Arbeitnehmerrechte und gegen moderne Sklaverei ein. Der Arbeitskreis Kirchlicher Investoren (AKI) ermutigt Finanzdienstleister wie die Commerzbank erfolgreich, auf die Finanzierung des Tiefseebergbaus zu verzichten. Die Pensionskasse der Church of England engagiert sich für mehr Arbeitssicherheit im Bergbau. Kirchliche Investoren waren zudem Wegbereiter in den globalen Initiativen „Nature Action 100“, „Climate Action 100+“ und der Investoren Initiative für Daten zu Menschenrechten (II-HRD). Die von kirchlichen Investoren mitbegründete Transition Pathway Initiative hat die Unterstützung von über 80 Billionen US-Dollar an verwaltetem Vermögen gewonnen und wird weltweit aktiv genutzt, um Investitionen in den verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen zu lenken.

Diese Aktivitäten kirchlicher Investoren erfordern Klarheit, Kreativität und Beharrlichkeit. Veränderungen beginnen oft nicht mit großen Gesten, sondern mit konsequentem Handeln derer, die sich der langfristigen Perspektive verschrieben haben. In einer Welt, in der systemische Risiken zunehmend Renditen bestimmen, ist Passivität eine Entscheidung – eine, die die Zukunft anderen überlässt. Glaubenskonforme Investitionen erfordern aktive Verantwortung. Sie äußert sich darin, Erwartungen gegenüber Unternehmen zu benennen, schwierige Fragen zu stellen und bereit zu sein, alle Instrumente der ethisch-nachhaltigen Geldanlage zu nutzen, um Verhalten und Normen zu verändern und so langfristig auch den ökonomischen Wert der Vermögen zu erhalten.

Dabei stützen sich Kirchen auf den biblischen Auftrag: „Dienet einander, ein jeder mit der Gabe, die er empfangen hat, als die guten Haushalter der mancherlei Gnade Gottes .“ (1. Petrus 4,10). Verantwortung beginnt mit der Erkenntnis, dass das, was wir besitzen, uns nicht gehört, sondern uns lediglich vorübergehend anvertraut ist.

Ausschlüsse von Unternehmen können eine Mitschuld vermeiden, aber es mag in gewissen Situationen bessere Möglichkeiten geben, Einfluss zu nehmen, die genutzt werden müssen, um Unternehmen zu beeinflussen, Märkte zu gestalten und eine humanere Zukunft zu finanzieren.

Kirchliche Investoren machen ihre Werte transparent und setzen diese konsequent um. Sie müssen sich jedoch dabei sowohl gegen einen Moralismus wehren, der zu stark vereinfacht, als auch gegen einen Pragmatismus, der alles entschuldigt. Integrität bedeutet, Grenzen anzuerkennen und ehrlich mit den Spannungen umzugehen, die dem Spagat zwischen Mission und finanzieller Verantwortung innewohnen.

Letztendlich geht es bei verantwortungsvollem Investieren für kirchliche Institutionen nicht nur darum, Schaden oder Reputationsrisiken zu vermeiden oder ESG-Kriterien abzuhaken. Es geht darum, die Welt so zu sehen, wie sie ist, Macht und Einfluss zu verstehen und dann zu entscheiden, wie man dazu beitragen kann, eine Welt zu schaffen, die in besserem Einklang mit Menschenwürde, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung steht. Es geht darum, Investitionsverpflichtungen zu erfüllen und eine Zukunft zu finanzieren, in der es sich zu leben lohnt.

 

Dr Stephen Barrie, Deputy Chief Responsible Investment Officer at the Church of England Pensions Board

Giuseppe van der Helm, Chair of De Nieuwe Beurskoers, a Dutch Christian investor association

Stephen Beer, Chair of the Church Investors Group, which represents church institutional investors in the UK and worldwide

Dr Jörg Mayer, Chair of Arbeitskreis Kirchlicher Investoren (AKI), which represents church institutional investors in Germany

Alessandra Viscovi, Secretary General of the CIID Italian Interreligious Centre for Dialogue

David Reusch, Chair of cric e.V, a sustainable investment association in Germany, Austria, and Switzerland

Paolo Camoletto, COO and Financial Secretary of the Archdiocese of Westminster, UK