Corporate Responsibility Interface Center (cric e. V.) | Verein zur Förderung von Ethik und Nachhaltigkeit bei der Geldanlage
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vom 30. Juni 2026

Nachlese: Blickpunkt Wissenschaft: Kollaboratives Engagement am 25. Juni 2026

Nachlese:

Blickpunkt Wissenschaft: Von Zusammenarbeit zu Wirkung – Kollaboratives Engagement und die nächste Stufe der Stewardship

Stewardship befindet sich in einem deutlichen Wandel. Während lange Zeit die Frage im Vordergrund stand, ob Investoren aktiv mit Unternehmen in den Dialog treten, verschiebt sich der Fokus zunehmend hin zur Frage, wie wirksam dieses Engagement tatsächlich ist.
Diese Entwicklung war Ausgangspunkt der aktuellen Ausgabe von Blickpunkt Wissenschaft, in der aktuelle Forschung und Praxisperspektiven zu kollaborativem Engagement und Stewardship Effectiveness diskutiert wurden. Im Zentrum standen die Bedingungen wirksamer Investorenkooperation, die empirische Evidenz zur Wirkung von Engagement sowie neue Ansätze zur Bewertung von Stewardship.
 
Kollaboratives Engagement zwischen Öffnung und Anreizproblemen
Mit dem EuGH-Urteil und der anschließenden Anpassung der BaFin-Auslegung zu „Acting in Concert“ hat sich der regulatorische Rahmen für kollaboratives Engagement in Deutschland spürbar verändert. Die größere rechtliche Klarheit könnte Investorenkooperationen erleichtern und damit neue Impulse für Stewardship setzen.
Gleichzeitig wurde deutlich, dass regulatorische Erleichterungen allein nicht ausreichen. Entscheidend ist, wie Kollaboration organisiert wird.
Benjamin Ruppert beschreibt in diesem Zusammenhang ein zentrales Spannungsfeld: das „Platform Dilemma“. Während große Investoren häufig erhebliche Ressourcen in die Koordination von Engagement-Initiativen investieren, profitieren alle teilnehmenden Investoren von den Ergebnissen – unabhängig von ihrem eigenen Beitrag. Die Frage, wie sich Führungsverantwortung und Anreizstrukturen in solchen Plattformen nachhaltig gestalten lassen, bleibt damit zentral für die Zukunft kollaborativen Engagements.
 
Wirkung im Kontext komplexer Systeme
Die zweite Perspektive von Nikolaus Hastreiter betraf die Frage nach der Wirkung von Engagement. Forschung zu Initiativen wie Climate Action 100+ zeigt, dass Investorenengagement mit Veränderungen in Unternehmensstrategien und -praktiken einhergehen kann. Gleichzeitig ist die eindeutige Zuordnung dieser Veränderungen zu einzelnen Akteuren schwierig.
Unternehmensverhalten entsteht im Zusammenspiel von Investoren, Management, Marktbedingungen sowie regulatorischen und politischen Rahmenbedingungen. Insbesondere bei systemischen Herausforderungen wie dem Klimawandel wird deutlich, dass Stewardship nur einen Beitrag innerhalb eines breiteren Transformationsprozesses leisten kann.
Damit rückt ein differenzierteres Verständnis von Wirkung in den Vordergrund: weniger als lineare Kausalität, stärker als Beitrag innerhalb eines Systems.
 
Stewardship Effectiveness als neue Perspektive
Vor diesem Hintergrund gewinnt die Frage nach der Messbarkeit und Bewertung von Stewardship an Bedeutung, eingebracht von Christoph Biehl, PhD. Klassische Aktivitätskennzahlen reichen zunehmend nicht mehr aus, um Wirkung abzubilden.
Internationale Initiativen wie der GPIF oder das French Sustainable Investment Forum sowie aktuelle wissenschaftliche Arbeiten entwickeln daher Ansätze, die stärker auf Outcomes, Beiträge und langfristige Veränderungen abzielen.
Im Kern verschiebt sich die Perspektive von der Frage, was Investoren getan haben, hin zu der Frage, welchen Unterschied ihr Handeln gemacht hat.
Zentrale Erkenntnisse
Aus der Diskussion lassen sich drei Entwicklungen ableiten:
  • Erstens: Kollaboratives Engagement wird durch regulatorische Klarheit erleichtert, aber nicht automatisch wirksamer.
  • Zweitens: Stewardship wirkt nicht isoliert, sondern innerhalb eines Systems aus Unternehmen, Märkten und Politik.
  • Drittens: Die zentrale Zukunftsfrage lautet, wie sich Stewardship nicht nur dokumentieren, sondern in seiner Wirkung nachvollziehbar bewerten lässt.
Fazit
Stewardship befindet sich an einem Übergang von einer aktivitätsorientierten hin zu einer wirkungsorientierten Logik. Entscheidend wird künftig weniger sein, wie viel Investoren engagieren, sondern welchen Beitrag dieses Engagement im Zusammenspiel mit anderen Akteuren tatsächlich leistet.
Damit rückt eine grundlegende Frage in den Mittelpunkt:
Wie lässt sich Investor Stewardship in komplexen Transformationsprozessen sinnvoll verstehen, bewerten und weiterentwickeln?
Wir danken der tollen Moderation von  Dr. Catherine Marchewitz,  ein Dank an unsere Vortragenden: Benjamin Ruppert, Nikolaus Hastreiter und Dr. Christoph Biehl, PhD und allen über 40 Teilnehmenden für die angeregte Diskussion.
Präsentationen: